bingen








Das Kämmer-Haus

(Textauszug aus "Die Salzgaß und ihre Bewohner in Bingen"
von Ludwig Foltz – München, den 10. Januar 1867. In originaler Fassung belassen.)


So wie das Haus vom Juden Feist das eine Eck von dem Hintergäßchen bildete, so war das Kämmers Haus das entgegengesetzte Eckhaus. Nach der Salzgaße zu waren im Bodengeschoß drei stattliche Steinbögen. Zwei dieser Bögen gehörten zum Spezereyen-laden. In einem Bogen, dem der zunächst der Hintergaße war, war ein Fenster eingebaut und gehörte zum Bureau. Über dem Bodengeschoß erhob sich ein Stockwerk von Mauer mit Hausteinfensterstreben, drei an der Zahl von großen Verhältnissen. An den Fenstern waren grün angestrichene Schalusien-Läden. Über diesem Stockwerk erhob sich ein Giebel, mit Schiefer benagelt. Darin mehrere Fenster von Dachzimmern. Jede Langseite des Hauses war im kleinen Gäßchen gelegen. Eine Reihe von fünf Fenstern im Bodengeschoß und ebenso viel im zweiten Stock, und am Ende des Hauses war eine Nebenthüre. An das Haupthaus schloß sich ein niederer Bau an, der mit dem Haupthaus die ganze Länge der kleinen Gaße bis zur Abbiegung einnahm. Die Dächer der beiden Häuser waren der Gaße zu abschüßig und hatten viele Dachfenster, die alle säuberlich eingeglast waren.

Kam man durch den Mittelbogen in den Spezereyladen, so war rechts eine lange, weit in die Tiefe des Hauses gehende Tek (Ladenbüttel), von dunklem Eichenholz mit Meßing beschlagen. Ebenso waren mehrere mit Meßing eingefaßte schmale Löcher auf der Tek, in welche das Geld eingeschoben wurde. Unter diesen Meßinglöchern waren Geldschubladen angebracht. Ein breiter Gang hinter der langen Tek und an der Wand waren viele Eichen- holzfächer mit Spezereyen angefüllt. Außerhalb der Tek im großen Ladenplatz stundten Fässer mit Weinessig und mit gewöhnlichem Essig. Ebenso waren mehrere Fäßer mit verschiedenen Brennölen aufgestellt. Vorräthe in Kisten, Säcken und Kasten waren genügsam vorhanden.

Links von dem Ladeneingang war das Bureau, welches Fenster auf die Straße und eine ganze Glaswand gegen den Laden zu im Hause hatte. Durch diese Glaswand sah man meist zwei Herren Kämmerer, die Brüder waren, an den Schreibtischen beschäftigt. Ein Ladendiener versorgte den Laden, und wenn viele Einkäufer zusammenkamen, so erschien einer der Herren zum Aushelfen hinter der Tek. Eine alte freundliche Frau, die Mutter der beiden Herrn Kämmerer, ging gleichfalls ab und zu und erkundigte sich bei den einkaufenden Mägden nach dem Befinden ihrer Herrschaften. Den Kindern der Kunden, wenn sie die Mägde an der Hand hatten oder wenn sie selbst was zu holen hatten, wurden gedürrte Zwetschen und auch süße Mandeln geschenkt. Kämmerers Spezereyhandlung war solid und was man da einkaufte, war immer gut.

Weit zurück im Laden waren noch einige Gemächer, wie ein Wohnzimmer und eine Küche, die ihr Licht durch einen kleinen Hof und durch das Seitengäßchen empfingen. Im ersten Stock des Hauses waren mehrere Prunkzimmer mit schönen ausgebauchten Möbeln eingerichtet, geschnitzten Rahmen um die Spiegel und Himmelbettstättchen. Diese Einrichtung so wie die Wohlhabenheit von Kämmerers kannte ich nur vom Hörensagen.

Die Brüder Kämmerer waren wie die Dahls Junggesellen. Der Älteste hieß Philipp, war immer elegant gekleidet im langschößigen Frack mit anliegenden Hosen und darüber Schaftstiefel mit gelben Anschlägen. Dieser Philipp ging in der Regel nie aus dem Haus. Am Schreibtisch war früh und spät sein Aufenthalt. Sein jüngerer Bruder Carl Kämmerer war nach der neuesten Mode gekleidet, hatte lange Hosen und feine Schue an den Füßen. Sein schwartzes Lockenhaar war glänzend mit Pomade versehen. Bei schönen Einkäuferinnen war er gern im Laden. Auch in der Nachbarschaft pflegte er Besuche zu machen, wo Mädchen und junge Frauen im Hause waren. Zu meinem Vater, der in seinem Alter war, kam er auch manches Mal und that, als nehme er viel Interesse an der Kunst. Er sah mich einmal aus einem Buch Säulen abzeichnen und fragte, was ich denn werden wolle. Da sagte ich "ein Zimmermann". Damit ich in die Fremd gehen könne. Das hörte mein Vater gar nicht gern, weil er mich im Geiste vom Dachstuhl herabfallen sah. Aber Zimmermann zu werden stak mir immer im Kopf. Deswegen zeichnete ich auch Säulen um Hauspläne machen zu lernen. Kämmerer prophezeyte meinem Vater, daß ich einmal ein Baumeister würde und dann auch nicht in Bingen bleiben könne. Das war meinem Vater auch nicht recht, weil er nicht wollte, daß ihn seine Buben verließen und außer Bingen ihr Fortkommen suchten.

Die alte Frau Kämmerer ist bald gestorben, was aus den Söhnen geworden ist, weiß ich nicht, nur so viel ist mir erinnerlich, daß sie Junggesellen blieben. Carl Kämmerer hatte mit einer schönen Steinbachstochter in ihrer Verkommenheit heimliche Bekanntschaft. Durch das alte Spitzbogenthor schlich er sich aus und ein bei Steinbachs. Steinbachs Tochter wurde Mutter und Carl Kämmerer hat sie nicht geheirathet, sondern schmählich verlassen, was ihm sehr übelgenommen wurde, und weswegen viele Menschen sich von ihm zurückzogen. Heute weiß man nichts mehr von Kämmerers, die Familie ist ausgestorben.

Quelle: Stadtarchiv Bingen